Eine Ostergeschichte

Das Osterfest

Eine Ostergeschichte aus dem „Christlichen Kinderfreund“ des Waisenhauses in Halle von 1833

Hört ihr? sprach Vater Gerhard zu seinen Kindern, als eben die Glocken zur Frühkirche läuten. Das ist eine Stimme Gottes. Kommt, lasst uns ihr folgen! Hört nur, wie fröhlich und festlich es klingt, gleich als wüssten die Glocken, dass sie zur Feier des Osterfestes läuten. Die Kinder sprangen freudig in den Garten und pflückten die ersten Blumen zum Schmucke für das Fest, ergriffen dann die Hand des Vaters und der Mutter und wandelten so das schöne Tal hinauf nach dem Hügel zu, wo die Kirche lag. Unterwegs baten Karl und Wilhelmine den Vater, dass er ihnen die Geschichte des Osterfestes erzählen möchte. Der Vater tat das gern und man ging langsam, da es noch wohl ein Viertelstündchen bis zum letzten Einläuten währte.
Ihr wisst, begann der Vater, dass unser Heiland im dritten Jahr seines Lehramtes und im dreiunddreißigsten seines Alters gekreuzigt und begraben worden war. Da schien es nun, als hätte die Bosheit völlig gesiegt. Alle die großen Hoffnungen, die man hin und wieder Jesu hatte, schienen gänzlich vereitelt zu sein. Ach welch schreckliche Prüfung für die treuen Seelen, die es mit Jesu hielten. Warum hat Gott ihn verlassen? Warum hat er, der Heilige, wie ein Verbrecher enden müssen? Was soll aus der Erlösung werden, die wir von ihm so sicher hofften? Wie kann er nun noch der Messias sein, für den er sich doch selber ausgegeben hat? Solche Gedanken beunruhigten die redlichen Freunde des gekreuzigten Jesus und sie strebten vergebens, in dieser schrecklichen Finsternis einen Schimmer des Lichts zu entdecken. Mehrere Freundinnen Jesu, die ihn bis zur Kreuzesstätte begleitet hatten und Zeugen seines Todes gewesen waren, Maria Magdalena und andere, saßen nach seiner Bestattung noch dem Grabe gegenüber und weinten. Gewürz und Salben beschließen sie einzukaufen. Damit wollen sie nach dem Sabbat zurückkehren, um die Einbalsamierung des teuren Leichnams vorzunehmen. Es darf uns dieser Entschluss bei der damals herrschenden Sitte des Morgenlandes nicht auffallend sein. Wer seine Toten liebte und es nach seinem Stande vermochte, der sorgte durch allerhand Spezereien, in welche er die Leichname legen ließ, für die möglichst lange Erhaltung ihrer Gestalt und begab sich wohl zuweilen in die Grabeshöhle, um die teuren Überreste zu betrachten und sich der Tugenden seiner entschlafenen Lieben zu erinnern. Man ehrte die Gräber, wie auch wir sie ehren sollen, als freundliche Tröster bei unseren Tränen, als ernste Lehrer, die uns bei unseren Freuden warnen und zur emsigen Benutzung der flüchtigen Zeit ermuntern. Dort hin, zum Grabe Jesu, beschließen also die frommen Frauen nach zwei Nächten zurückzukehren. In dieser Absicht verlassen sie den Sonntag früh die Stadt und wandeln hinaus zu dem Garten Josephs von Arimathia, woselbst die Grabeshöhle war. Diesen Garten hatten indessen Soldaten besetzt. Die Feinde Jesu nämlich hatten befürchtet, die Jünger möchten den Leichnam entwenden und dann vorgeben, Jesu sei, zufolge seiner Weissagung, am dritten Tage auferstanden. Daher war, mit des Landpflegers Genehmigung, eine Wache vor den Eingang des Grabes gelegt und der Stein davor sogar versiegelt worden. Aber, ihr Kinder! Siegel, Stein und Wächter helfen nichts, wo Gott ein anderes beschlossen hat. Erinnert euch jenes kräftigen Liedverses:

Und ob gleich alle Teufel ihm wollten widerstehn,
so wird Gott ohne Zweifel doch nicht zurücke gehen.
Was er sich vorgenommen und was er haben will,
das muss doch endlich kommen zu seinem Zweck und Ziel.

Die Freundinnen Jesu hatten unterwegs ihre Gedanken, wie sie wohl zu dem geliebten Leichnam kommen konnten. „Wer wälzt uns“, sprachen sie, „den großen Stein vor der Öffnung des Grabes hinweg?“ Die guten Frauen, wie werden sie staunen, dass alle ihre Sorge vergebens ist! So machen auch wir uns manche Sorge und während wir sorgen, hat Gott uns unbewusst die Not hinweggenommen oder doch ganz andere Anstalten zu einer herrlichen Hilfe gemacht.
Die Frauen kommen zum Grabe. Siehe! Das Grab ist offen. Sie blicken hinein – kein Leichnam zu sehen. Er muss von jemand weggenommen sein! So mögen sie im ersten Schrecken denken. Wenigstens Maria Magdalena will mit diesen Gedanken hinweg, um den Jüngern die schlimme Nachricht kund zu tun. Die Zurückgebliebenen jedoch sehen eine Erscheinung am Grabe. Einige meinen zwei Jünglinge, andere nur einen im Lichtgewande zu erblicken. Schauder befällt sie bei dem Anblick. Eine Stimme aber ruft ihnen entgegen: „Fürchtet euch nicht! Ihr suchet Jesum den Gekreuzigten. Er ist nicht hier, er ist auferstanden, wie er gesagt hat. Sehet hier den Ort, wo er lag. Eilet nun und verkündigt es dem Petrus und allen Jüngern! In Galiläa werdet ihr ihn wiedersehen.“ So sprachen die Engel. Liebe Kinder, erinnert euch, dass Engel auch bei Jesu Geburt erschienen und seine Ankunft auf der Welt verherrlichten, wie denn überhaupt in Jesu ganzem Leben die Bewohner des Himmels an den Ereignissen auf Erden Anteil nahmen. Einst werden die Pforten der unsichtbaren, höheren Welt auch uns geöffnet. Einst kommen auch wir in die Gemeinschaft seliger Geister, sehen den Auferstandenen in seiner Herrlichkeit und vereinigen uns für alle Ewigkeit mit unseren Geliebten.
Auf die Nachricht der Maria Magdalena eilen nun die beiden Jünger Petrus und Johannes herbei. Die Gruft ist leer, die Leichentücher und Hauptbinden sind seitwärts gelegt, wie man schwerlich bei einer diebischen Entwendung getan haben würde. Verwundert bleiben die Jünger stehen. Noch ist ihnen die Sache unbegreiflich. An Jesu Weissagung von seiner Auferstehung denken sie entweder nicht oder sie meinen, es dürfte dieselbe nicht nach den Worten verstanden werden. So gehen sie, unruhig, wie sie gekommen, wieder hinweg. Maria Magdalena steht indessen noch immer weinend am Grabe. Nochmals sieht sie hinein und da erblickt sie zwei Engel im weißen Gewande. Diese sprachen zu ihr: „Was weinst du?“, und immer noch weinend gibt sie die Antwort: „Sie haben meinen Herrn weggenommen und ich weiß nicht, wo sie ihn hingelegt haben.“ Mit diesen Worten wendet sie sich um. Da steht ein Mann vor ihr, der fragt gleichfalls, was sie weine. Sie meint, es sei der Gärtner und erwidert: „Ach Herr, hast du ihn weggenommen, so sage, wo hast du ihn hingelegt. So will ich ihn holen.“ „Maria!“ spricht der Unbekannte, der kein anderer als Jesus selber war. Kinder! Wer möchte beschreiben, was Maria empfand! Überwältigt von Staunen und Freude fällt sie auf ihre Knie. „Rabbuni! Mein Lehrer!“ Das ist der einzige Laut, den sie hervorbringen kann. Jesus befiehlt ihr, die Botschaft von seiner Auferstehung den Jüngern kund zu tun. „Gehe“, sprach er, „zu meinen Brüdern und sage ihnen: Ich fahre auf zu meinem Vater und zu eurem Vater, zu meinem Gott und zu eurem Gott.“ Auch der Salome und den übrigen Frauen war Jesus im Garten erschienen. Er grüßt auch sie mit göttlicher Liebe. Und sie umfassen voll Ehrfurcht seine Knie, sehen, hören und beten den an, den sie am Kreuze hatten sterben sehen. Wir freuen uns mit ihnen. Wir verehren mit ihnen den Auferstandenen, unseren Heiland und Erlöser. Er lebt, wir werden auch leben. Halleluja!
Da Gerhard die letzten Worte sprach, ertönte das feierliche Glockengeläut und man gelangte auf dem Kirchhof an. Aus der Kirche aber, in die sie traten, schallte ihnen der herzerhebende Gesang entgegen:

Jesus lebt, mit ihm auch ich!
Tod, wo sind nun deine Schrecken!
Er, er lebt. Er wird auch mich
von den Toten auferwecken.
Er verklärt mich in sein Licht.
Dies ist meine Zuversicht.

(Die Geschichte wurde leicht gekürzt)

The_Resurrection006

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