Rettung durch die göttliche Vorsehung

Rettung durch die göttliche Vorsehung

Tagebuchauszug eines Missionars (aus den „Christlichen Geschichten“ 1857)

… Um diese Zeit ging ich los, um bei der Versteigerung des Nachlasses des Herrn M. gegenwärtig zu sein. Er war ein achtbarer Landmann und einige Monate vorher auf einer der Ansiedlungen, welche zu meiner Mission gehörten, verstorben. Er hatte eine Witwe, eine sehr liebenswürdige und fromme Frau, nebst drei Kindern hinterlassen. Sie glaubte sich zu schwach, das bedeutende Gut ihres verstorbenen Mannes zu bewirtschaften, und darum mietete sie ein kleines Haus in dem Städtchen, in dem ich wohnte, und veräußerte jetzt alles bis auf einiges Hausgerät.
Nach beendigter Versteigerung besuchte ich sie und wünschte ihr Glück zu dem von ihr eingeschlagenen Weg. Ich bemerkte, dass sie nun besser dran sein werde, nicht nur, weil sie dadurch der Verwaltung eines Geschäftes enthoben sei, welchem vorzustehen sie wohl zu schwach wäre, sondern auch durch das Gefühl von Sicherheit, dessen sie in ihrer unbeschützten Lage, in solch einsamen Hause, sich wohl schwerlich erfreuen könne.
„Oh nein, nein,“ versetzte sie, „ich bin gewiss nicht unbeschützt! Sie vergessen,“ fuhr sie mit einem traurigen Lächeln fort, „dass ich jetzt unter dem besonderen Schutz dessen stehe, der für die Witwen und Waisen sorgt, und ich hege das feste Vertrauen, dass er uns beschützen werde.“ Und wirklich beschützte er sie noch in derselben Nacht auf eine höchst außerordentliche und wunderbare Weise.
Ihr Haus lag ganz abgelegen, und das nächste war wohl eine halbe englische Meile entfernt. Diese Nacht befand sich eine ziemliche Summe Geldes in dem Hause, der Erlös aus der Versteigerung. Die Mutter nebst ihren drei jungen Kindern und einer Magd waren die einzigen Bewohner. Sie hatten sich bereits zur Ruhe begeben. Der Wind heulte furchtbar und erschütterte das Blockhaus bei jedem Stoß. Dadurch wurde die arme Mutter wach gehalten, und sie glaubte in den Augenblicken, da der Sturm nachließ, hinten im Hause ein auffallendes, ungewöhnliches Geräusch zu vernehmen. Während sie aufmerksam horchte, ob sie das Geräusch zum zweiten Male vernehmen werde, wurde sie durch das heftige Bellen eines Hundes erschreckt, der, wie es schien, vorn im Hause unmittelbar unter der Schlafkammer war. Dies beängstigte sie um so mehr, da sie selbst keinen Hund hatten.
Sie stand sogleich auf, ging nach der Kammer ihrer Magd und weckte diese. Dann stiegen sie zusammen hinunter. Zuerst blickten sie in das Zimmer, wo sie den Hund gehört hatten. Es war Mondschein, und obgleich der Himmel bewölkt war, doch hell genug, um die Gegenstände, wenn auch nicht ganz deutlich, unterscheiden zu können. Sie erblickten einen gewaltigen schwarzen Hund, welcher wütend an der Küchentür kratzte und herumbiss, von wo das Geräusch, welches die Mutter zuerst gehört hatte, gekommen sein musste. Sie bat das Mädchen, die Tür zu öffnen, gegen welche der Hund so sehr bellte. Das Mädchen war beherzt und entschlossen, ohne Furcht, und sie tat es ohne Bedenken. Da sprang der Hund in die Küche hinein und die Witwe erblickte durch die geöffnete Tür zwei Männer am Küchenfenster, welches offen stand. Diese liefen sogleich davon, und der Hund sprang durch das Fenster ihnen nach. Es folgte nun ein gewaltiger Kampf, und aus dem sich wiederholenden Geheul des edlen Tieres ließ sich entnehmen, dass es zuweilen schlecht dabei wegkam. Der Lärm verlor sich indessen allmählich in immer weitere Ferne, bis Frau M. nur dann und wann noch ein schwaches, fernes Bellen hören konnte. Die Räuber, oder vielleicht Mörder, hatten eine Glasscheibe ausgenommen, wodurch es ihnen möglich geworden war, das Fenster zu öffnen. Sie würden ohne Zweifel ihr Vorhaben ausgeführt haben, wenn nicht der Hund gewesen wäre. Die Hausfrau und die Magd nahmen ein Licht und sicherten das Fenster, so gut sie konnten. Dann kleideten sie sich an, denn die Nacht noch zu schlafen, daran war nicht zu denken. Sie waren indessen kaum zum zweiten Mal die Treppe heruntergekommen, als sie den Hund an der Haustür kratzen und Einlass begehren hörten. Sie öffneten sogleich. Da sprang der Hund herein, mit seinem buschigen Schwanz wedelnd und beiden wechselweise schmeichelnd, um für seine Tapferkeit gestreichelt und gelobt zu werden. Darauf streckte er sich, so lang er war, neben dem warmen Ofen aus und schlief ein. Den anderen Morgen gaben sie ihm ein Frühstück, um das jeder Hund ihn beneidet hätte. Danach konnte ihn nichts mehr zum Längerbleiben bewegen. Vor Ungeduld winselnd stand er vor der Tür, bis sie geöffnet wurde. Nun sprang er sehr eilig davon, und sie sahen ihn nie wieder.
Sie hatten den Hund vorher nie gesehen, erfuhren auch niemals, wem er gehöre. Es war etwas sehr Sonderbares. Sie konnten nur vermuten, dass er mit einem Fremden zu der Versteigerung gekommen und zurückgeblieben war. Die Familie zog den folgenden Tag in ihr gemietetes Haus im Städtchen ein und als meine Frau und ich sie besuchten, erinnerte Frau M. mich daran, wie sie bei meinem letzten Besuch zu mir gesagt hatte, dass sie nicht unbeschützt sei.

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Auszug aus dem Tagebuch eines Missionars in Kanada, veröffentlicht in den „Christlichen Geschichten“ von Ludwig S. Jacoby, zweite Auflage im Jahre 1857.

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