Die Wolfshaut

Die Wolfshaut

(Eine wahre Geschichte von ca. 1850)

Das alte Blockhaus, in welchem eine presbyterianische Gemeinde im westlichen Pennsylvanien lange Zeit ihre Gottesdienste gehalten hatte, war dem Einfallen nahe, so dass ein Treffen einberufen wurde, um eine Sammlung von Geldern zur Errichtung eines neuen Hauses durchzuführen. Einer der Vorsteher, arm an irdischen Gütern, aber reich an Glauben, fühlte sich gedrungen, für acht Dollar zu unterschreiben. Dies war eine große Summe für einen Mann in seinen Umständen und in jenen Tagen – mehr als ein halbes Jahrhundert, ehe Kalifornien angefangen hatte, seine goldenen Schätze in das Land auszuströmen. Er hoffte durch Fleiß und Sparsamkeit mit dem Segen Gottes die Summe zusammen zu bringen, ehe die Zeit der Zahlung komme. Aber alles schien ihm hinderlich zu sein. Um seine Verlegenheit zu vermehren, schuldete er noch zwei Dollar für Steuern, welche zur selben Zeit bezahlt sein mussten. Mit aller Anstrengung war er nicht im Stande gewesen, auch nur einen Dollar zu sparen, nachdem er die allernotwendigsten Haushaltsausgaben beglichen hatte. Mit schwerem Herzen ging er zu Fuß nach dem Versammlungsplatz, mit der Flinte auf der Schulter. In jenen Tagen war man stets genötigt, diese mitzunehmen, da man alle Augenblicke fürchten musste, einem feindseligen Indianer oder einem wilden Tier zu begegnen. Als er so auf seinem einsamen Weg durch den Wald ging, schüttete er sein Herz vor dem Herrn in folgenden Worten aus: „Herr, Du weißt, dass ich nicht in eitlem Selbstvertrauen meine Unterschrift für Dein Haus gab, sondern allein im demütigem Vertrauen auf Deine Hilfe und mit der einzigen Absicht, Deine Ehre zu fördern. Willst Du nun nicht gnädigst Deinem Knecht helfen, dass er sein Versprechen erfülle und nicht zu Schanden werde? Willst Du nicht Deine heilige Sache, welche mir teurer ist als das Leben, vor Schimpf und Schande retten? Du hast alle Gewalt im Himmel und auf Erden, alles Silber und Gold ist Dein. Ich bitte nicht um meiner Gerechtigkeit, sondern um Deines Namens willen. Ich glaube Herr, hilf meinem Unglauben!“
Während er so betete, fühlte er sich von seinem Kummer erleichtert, und er hatte die Versicherung, dass alles gut werde, aber er konnte sich nicht vorstellen, wie es kommen solle. Er hatte beinahe die Stadt erreicht, da sah er einen großen Wolf, der gerade im Weg stand, wie von Zauber gebunden, und auf sein Schicksal wartend. Die Herden der Landleute hatten von den Verheerungen der Wölfe viel gelitten, so dass eine Belohnung ausgesetzt worden war für die Kopfhaut von jedem Wolf, der innerhalb der Grafschaft getötet würde. Sogleich legte der Mann seine Flinte an und streckte ihn nieder. In wenigen Minuten hatte er dem Tier die blutende Kopfhaut abgezogen. Dann setzte er freudig seinen Weg fort, wobei er dem Herrn dankte. Als er die Stadt erreicht hatte, ging er sogleich in die Amtsstube des Steuereinnehmers, übergab ihm die Wolfshaut und zugleich seine Steuerrechnung. Der Steuereinnehmer, indem er sie nahm, sagte: „Ich habe nicht nötig, dir einen Eid abzunehmen, dass der Wolf innerhalb der Grafschaft getötet wurde, denn die Kopfhaut ist noch warm.“ Während er nun die Rechnung der zwei Dollar quittierte, zahlte er noch acht Dollar als den Rest des ausgesetzten Preises. Dies war genau der Betrag, den der Gemeindevorsteher zu spenden versprochen hatte. Von da ging der fromme Mann zu der Versammlung, und mit einem Gefühl, welches man sich leichter vorstellen als beschreiben kann, zahlte er, was er für das Gotteshaus unterschrieben hatte. Lasst nun hier den Zweifler von einem glücklichen Zufall reden und über die Leichtgläubigkeit lachen, welche darin die Hilfe Gottes sieht, ich beneide ihn nicht. Für mich ist es eine höchst vernünftige und tröstende Wahrheit, dass kein Sperling vom Dach fällt ohne den Willen unseres himmlischen Vaters.

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Aus den „Christlichen Geschichten“ von Ludwig S. Jacoby, zweite Auflage im Jahre 1857. Alle Artikel der Kategorie Geschichten von Christliche Perlen untereinander.

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