Haarbreites Entrinnen

Haarbreites Entrinnen

Vor einiger Zeit lebte in einem Dorfe ein Mann, der wegen seiner Neigung zum Trinken und seines unreligiösen Lebenswandels bekannt war. Sein Betragen war höchst ruchlos: er hatte Gott nicht vor Augen und nahm gar keine Rücksicht auf die Meinung der Menschen. Als Vater bekümmerte er sich durchaus nicht um das vorzüglichste Interesse seiner Familie, kein Bibelwort oder Gebet wurde da gehört. Wie konnte er für die Seele seiner Kinder sorgen, da er die eigene vernachlässigte? Oder für andere beten, während er vergaß für sich selbst zu beten? In dieser Hinsicht war er durchaus sorglos. Jedoch war er kein Verfolger der Gläubigen. Obgleich er kein gottgefälliges Leben führte, dachte er doch nicht daran, seine Kinder davon abzuhalten. Er war mehr gleichgültig als feindselig gegen das Christentum gesinnt. So ging eine seiner kleinen Töchter in die dörfliche Sonntagsgruppe für Kinder, wo oft Geschichten der Bibel erzählt wurden. Der Vater hatte bisher nie den Gottesdienst im Dorf besucht. Doch eines Tages kam das Kinderfest, an dem es üblich war, dass einige Kinder Stücke hersagten und Freunde der Gruppe passende Ansprachen hielten. Auch das Kind des Trunkenboldes wurde gewählt, etwas vorzutragen.
Am betreffenden Tag erschien die Natur im heitersten Glanze. Alle Teilnehmer hofften auf einen köstlichen Genuss. Die kleine Tochter beschloss, einen Versuch zu machen. „Vater,“ sagte sie, sich mit lieblichem Lächeln ihm nähernd  und mit gewinnender Freundlichkeit und Kindlichkeit anredend: „Vater, du weißt, heute ist unser Festtag und ich möchte gern, dass du mit mir gingest.“ „Nein, dazu habe ich durchaus keine Lust.“ „Aber,“ fuhr sie fort, „du musst wirklich mitgehen, sonst wirst du mich sehr betrüben. Ich habe ein hübsches Stück herzusagen, welches du gewiss gern hören würdest. Es werden einige Herren da sein, welche Reden halten, und die sollen dir bestimmt gefallen. Nun, lieber Vater, sage nicht nein, sondern entschließe dich mitzugehen.“ Vergeblich sträubte er sich und machte Einwendungen. Das Kind wollte sich nicht abweisen lassen. So sagte er denn zu und ging. Die Vorträge und Leistungen der Kinder erfreuten ihn, aber seine Aufmerksamkeit wurde besonders gefesselt durch eine Anekdote, welche einer der Redner zu erzählen Veranlassung fand. Denn Ähnliches wie in diesem Bericht war ihm auch selbst einmal widerfahren. Der Vortrag hatte anscheinend keinen Zusammenhang mit den Gegenständen, die sonst gerade besprochen wurden. Er wurde aber zu ganz gelegener Zeit erzählt, wie wir gleich sehen werden. Der Redner bemerkte nämlich in seiner Ausführung wie folgt: „Wie wunderbar sind die Werke Gottes! Eine Begebenheit wird dies klar machen. Ein Herr, der auf einer unebenen Straße ging, fiel. In dem Augenblick kam ein Wagen vorbei, und da er auf den Fahrweg gestürzt war, so schien eine Verletzung oder der Tod unvermeidlich. Das Rad ging wirklich über den Hut, der herabgefallen war, und zerknitterte denselben. Der Mann wurde aber dadurch nicht beschädigt. Erstaunt und überwältigt von dem Gedanken, wie er so mit genauer Not dem Tode entronnen war, auf welchen er sich nicht vorbereitet fühlte, betrachtete er diesen Vorfall als ein besonderes Dazwischentreten der göttlichen Vorsehung, um ihn vom ewigen Verderben zu erretten. Er beschloss sogleich, seine übrige Lebenszeit dem Allgegenwärtigen zu widmen. Er pries ihn und erfüllte auch sein Gelübde. Den zerknitterten Hut trug er nach Hause und schrieb hinein: `Errettet und berufen durch Jesum Christum.´  Er wollte nie erlauben, dass der Hut aus seinem Hause käme. Er bewahrte ihn als ein Denkmal der Güte Gottes gegen ihn und er fand Vergnügen darin, auf seinen Fall hinzuweisen.“
Diese Erzählung hörte der Trunkenbold mit größter Aufregung. Auch er war einmal auf der Straße gefallen, über seinen Hut war ebenfalls das Rad gegangen, das denselben zerquetschte und ihn verschonte. Aber nur bis hierhin passte der Vergleich. Er fühlte seine Schuld und war elend. Die Offenbarungen, welche er durch den Heiligen Geist empfangen, waren sehr erschreckend, denn es ging auch um seine Ewigkeit. Er verließ die Versammlung, wo er zum ersten Mal ein wirklich Suchender Gottes geworden war. Er gab seine gottlosen Genossen, seine eigenen lasterhaften Gewohnheiten auf und machte sich ernsthaft daran, das Heil seiner Seele zu suchen. Im Gespräch mit Gott setzte er sein Vertrauen auf den Preis, den Christus am Kreuz für die Sünde bezahlt hatte. Seine Umkehr war aufrichtig und er spürte, dass er angenommen war. Wie glücklich fühlte er sich nun! Kein solcher Tag war ihm früher aufgegangen.
Die Umwandlung konnte weder geleugnet noch verkannt werden. Da er ein Kind Gottes geworden war, wünschte er sich natürlich einen Platz unter den anderen zu haben und wurde freudig in die Gemeinschaft aufgenommen. Sein Haus wurde jetzt ein kleines Gotteshaus. Er strebte, seine Familie für den Herrn zu erziehen, und es glückte ihm damit sehr. Denn er erlebte es, dass alle seine Kinder als zu Gott bekehrt aufwuchsen, Glieder der Kirche, zu welcher er gehörte und tätige Lehrer der Sonntagsschulgruppe wurden. So vermochte selbst die Einladung eines Kindes, einen Vater und dadurch die ganze Familie zu Gott zu leiten.

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Gekürzt aus den „Christlichen Geschichten“ von Ludwig S. Jacoby, zweite Auflage im Jahre 1857. Alle Artikel der Kategorie Geschichten von Christliche Perlen untereinander.

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