Der Bibelverteiler unter Räubern

Der Bibelverteiler unter Räubern

Während der revolutionären Unruhen des Jahres 1848 hatte sich in der großen Manufakturstadt Lyon, im südlichen Frankreich, eine Räuberbande gebildet. Es waren raue, wilde Menschen mit Herzen so hart wie das Straßenpflaster der Stadt. Nach ihrem Äußeren zu urteilen, mochten sie es nicht höher achten, einem Menschen das Leben zu nehmen, als ein Licht auszublasen. Indessen auf dieser Welt gedeiht nichts ohne Regierung und die Räuber wussten das. Also machten sie einen unter sich zu ihrem Hauptmann, und diesmal war es einer, der in allen Arten des Raubens und Mordens am meisten bewandert war. Darauf erhoben sie ihre Hände gen Himmel und schwuren, dass keiner von ihnen die Gesellschaft verlassen oder verraten wolle, und wenn dessen ungeachtet einer seinen Eid brechen würde, die anderen ihn verfolgen und töten sollten. Und nun gingen sie fort auf`s Plündern und Morden, und alle Leute in der Nachbarschaft, die außer ihren Köpfen auch zeitliche Güter zu verlieren hatten, waren von Angst und Schrecken erfüllt.
Zu derselben Zeit hatte sich in Lyon eine andere Gesellschaft versammelt, die wie jene Räuber des Waldes, ihre Leute nach allen Richtungen aussandte und so auf Leute jeden Standes Jagd machte. Und wo diese Boten sich sehen ließen, da hat Mancher gezittert. Zwar waren sie nicht wie die Räuber mit Pistolen und Mordwaffen ausgerüstet, sondern aus ihren Reisetaschen sahen große und kleine Bücher hervor. Und wenn die Boten aus denselben vorlasen, war es manchem Zuhörer, als wenn ein zweischneidiges Schwert durch seine Seele ginge. Denn in den Büchern stand viel geschrieben von dem heiligen Gott, der die Sünder vor seinen Richtstuhl bringt, und von dem Heiland Jesus Christus, der mit solcher Barmherzigkeit die Sünden derer auf sich nimmt, die herzliche Reue empfinden und bei ihm Vergebung suchen. Einer von den Sendboten dieser Gruppe entschloss sich einst, in den Wald zu den Räubern zu gehen. Wahrlich nicht in der Absicht, einer von ihnen zu werden, sondern um mit Gottes Hilfe ihrem ehrlosen Gewerbe ein Ende zu machen. Das war in der Tat ein gefährliches Unternehmen, und ich fange im Ernst an zu zittern, wenn ich daran denke, wie die gesetzlose Rotte den armen Mann behandeln wird. Er mochte ebenfalls großes Bedenken deshalb haben, doch Gott hatte ihm ein mutvolles Herz gegeben, so dass er deshalb keine weitere Sorge hatte, als sich zu sagen, dass sie höchstens seinen Leib nur vernichten, nicht aber seine Seele töten könnten. „Wenn ich umkomme,“ dachte er, „so werde ich geradewegs zum Himmel gehen, und da ist es weit besser als in dieser armen Welt. Und würde mein Lohn nicht reichlich bezahlt sein, wenn durch Gottes Wort die Seele auch nur eines dieser Räuber gerettet würde?“ So füllte er seine Reisetaschen mit Bibeln und schritt unverzagt in den Wald. Bald verlor er sich in`s Dickicht, und nach einigen Meilen kam er an die Vorposten des Lagers.
„Wer da?“ rief eine raue Stimme, welche unserem Bibelverteiler durch Mark und Bein zu dringen schien. Bald darauf kamen mehrere fürchterlich um sich blickende Gestalten aus den Büschen hervor, umzingelten den verwegenen Eindringling und musterten ihn mit neugierigen Blicken. Er hatte unterdessen wieder Mut gefasst, um ihren wilden, trotzigen Gesichtern zu begegnen. „Was bringt dich her, Kamerad?“ riefen die Räuber. „Ich komme,“ sprach er darauf mit fester Stimme, „euch das Wort Gottes zu bringen und euch von dem Wege des Verderbens abzumahnen, ehe das Gericht Gottes über euch hereinbricht.“ Ein wildes, satanisches Lächeln unterbrach diese Anrede. „Ha, ha, ha,“ riefen die Gesellen, „das ist ein guter Braten für unseren Hauptmann! Dort kannst du deine Predigt zu Ende bringen. So etwas mag er gerade und er wird dich dafür belohnen.“ Mit diesen Worten stießen sie ihn vorwärts und brachten ihn vor ihren Hauptmann. Bei dem Anblick einer solchen Gesellschaft von Schurken, die mit ihren Musketen spielten, hätte der kühnste Mut sinken mögen, doch unser Mann Gottes stand ruhig.
„Was willst du, Bursche?“, fragte der Hauptmann in stolzem Tone. „Weißt du, wer wir sind? Kennst du uns?“ fragte er wieder. „Gewiss kenne ich euch.“ war die Antwort. „Ihr seid die gottlosesten unter den Gottlosen, die allerverwegensten Sünder. Ihr seid der Schrecken der Nachbarschaft; allein der Zorn Gottes wird über euch hereinbrechen und euch vernichten, ehe ihr es denkt. Er ist ein gerechter Gott und wird den Gottlosen nicht unbestraft lassen.“ Wie bereits vorher wurde der furchtlose Sprecher durch lautes Gelächter unterbrochen. Eine Flut von Hohnreden und Flüchen schüttete man über ihm aus, doch er ließ sich nicht aus der Fassung bringen und erhob seine Stimme nur desto lauter. „Tut Buße!“ rief er „Auch für euch gibt es Gnade und Vergebung. Auch für euch ist der Heiland, Gottes Sohn gekommen, wenn ihr Buße tut und euch bekehrt. Jetzt ist die Zeit. Seine Liebe hat mich hergesandt. Die Arme seiner Liebe sind auch für euch geöffnet.“ Das wilde Lachen wurde gedämpft, aber an dessen Statt ließ sich ein dumpfes Murmeln vernehmen. Ihre Augen blitzten vor Wut, unwillkürlich richteten sie ihre Flinten auf den kühnen Missionar; nur ein Wink vom Hauptmann und er hätte seine Dreistigkeit mit dem Leben bezahlt. Allein das Auge Gottes wachte über ihm, und sein Mut blieb ungebeugt. „Weißt du,“ rief der Hauptmann laut, „dass dein Leben in unserer Hand ist?“ „Ohne Gottes Willen könnt ihr kein Haar meines Hauptes krümmen,“ versetzte der Missionar, seine warnende ermahnende Stimme noch lauter erhebend und rechts und links Bibeln austeilend. Allmählich wurde das Murmeln stiller. Die Räuber fingen sogar an, Achtung für den mutigen Mann zu zeigen. Manches Herz mochte in diesem Augenblick gezittert haben; andererseits hatte der Satan ihre Ketten zu fest angezogen. Sie hatten sich durch den furchtbaren Eidschwur gebunden, nie die Bande verlassen zu wollen. Er konnte nur durch den Tod gelöst werden. Alsbald rief der Hauptmann: „Bringt den Mann weg, aber tut ihm nichts!“ Man gehorchte und unter Flüchen führten sie ihn aus dem Walde hinaus. Im Herzen Gott preisend eilte er, so schnell er konnte, nach Lyon zurück.
Jetzt mögen manche Leser denken, der Bibelverteiler hätte sich die gefährliche Reise ersparen können, denn die Räuber werden wohl immer Räuber geblieben sein. Geduld! Gottes Wort kehrt nie leer zurück, sondern wird ausrichten, was er will.
Der Hauptmann selbst hatte ein Neues Testament bekommen, und als er einst im Wald umherstreifte, nahm er das Buch aus seiner Tasche und las darin zum Zeitvertreib. Er war verwundert über das, was er hier sah, und er las immer weiter. Solche Dinge hatte er früher nie vernommen. Sein Gewissen erwachte, und das bisher geführte Leben erschien seinem Geiste immer dunkler und düsterer. Er wurde unruhig. Jeden Tag suchte er, seine Kameraden verlassend, die Einsamkeit und wandelte im Wald umher. Ein solches Benehmen kam den Übrigen verdächtig vor, und sie fingen an, sich`s ins Ohr zu flüstern. Er gleichwohl wurde mit jedem Tage mehr von seinem Sündenelend ergriffen. Das göttliche Gericht erschien ihm fürchterlich und die Liebe Christi entzündete sein hartes Herz: er konnte nicht länger zur Gesellschaft gehören. Nur wie konnte er von ihr loskommen? Sollte er davonlaufen? Wir möchten das nicht für Unrecht halten. Doch unser Hauptmann wollte seinen Eid nicht brechen, auch nicht unter Räubern. Lange kämpfte er so mit sich selbst. Zuletzt schließlich berief er die Bande zusammen. Sie eilten herbei in der Hoffnung, er werde sie wieder zu einem gewinnreichen Zuge hinausführen. Nun waren sie nicht wenig verwundert, als der Hauptmann sie folgendermaßen anredete: „Kameraden,“ fing er an, „bisher bin ich euer Führer gewesen, von jetzt an bin ich es nicht mehr. Dieses Buch hat mir gezeigt, dass wir auf dem Wege zum Verderben sind. Ein schrecklicher Eid band mich an euch, aber mein Entschluss ist gefasst. Ich bin in euren Händen. Wollt ihr mich töten, so könnt ihr es. Doch kann ich es nie wieder über mich bringen, das fluchwürdige Leben eines Räubers zu führen!“ In stummer Verwunderung hörten die Genossen ihren Führer an. Ein Gemurmel von Wut durchlief die Gesellschaft, allerdings machte der Zorn bald ihrem Mitgefühle Platz. Nach langer Beratung kamen sie zu dem Schluss, den Hauptmann ungehindert fortgehen zu lassen. Noch einmal erhob er seine warnende Stimme gegen seine alten Genossen und Freunde, erinnerte sie an den Zorn Gottes, dessen Gebote sie gebrochen hatten, und an die große Liebe des Erlösers, wenn sie Buße täten, und drang ernstlich in sie, mit ihm ihr sündiges Leben aufzugeben. Die Worte wirkten. Bald darauf brach die Bande auf. Viele Mitglieder derselben folgten dem Beispiele ihres Hauptmannes und bekehrten sich zu Gott. Die Gesellschaft aber, welche zuerst ihren Missionar in den Wald entsandte, hat mehrere von ihnen in ihren Dienst aufgenommen als Gehilfen in ihrem Werke.

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Gekürzt aus den „Christlichen Geschichten“ von Ludwig S. Jacoby, zweite Auflage im Jahre 1857. Neues Testament online lesen: Start hier oder hier. Tipps zum Bibellesen . Alle Artikel der Kategorie Geschichten von Christliche Perlen untereinander.

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