Ein Brand aus dem Feuer gerissen

Ein Brand aus dem Feuer gerissen

Im Frühjahr 1847 war ich mit einem Bruder auf der Reise nach einer Kirchenversammlung im Staate Virginia. Wir gedachten, unseren Weg durch das Städtchen, in welchem das Amthaus war, zu nehmen, um hier einige Freunde zu besuchen. In die Unterhaltung vertieft, waren wir aber an einem Kreuzweg, der zum Amthaus führte, vorbeigeritten und bemerkten unseren Irrtum erst, als wir schon mehrere Meilen davon entfernt waren und es bereits zu spät war umzukehren. Während wir uns wegen unserer Unachtsamkeit Vorwürfe machten, führte uns der Herr.
Wir waren noch nicht weit gekommen, als wir in der Entfernung von etwa einer viertel Stunde ein Haus brennen sahen. Der jüngere von uns beiden setzte sein Pferd in Galopp und war bald bei dem Feuer. Es war ein Blockhaus und das Dach brannte an drei Stellen. Beim Eintreten in das Haus kam ihm auf der Schwelle das Jammergeschrei eines alten Mannes entgegen, der in einer Ecke auf einem Rollbett lag, ganz gelähmt vom Rheumatismus und so hilflos wie ein Kind. „Ach lieber Herr,“ jammerte er, „um Himmels Willen bringen Sie mich hinaus, sonst werde ich bei lebendigem Leibe verbrennen.“ Er beruhigte sich etwas durch die Versicherung, dass keine unmittelbare Gefahr für ihn vorhanden sei und er zeitig genug in Sicherheit gebracht würde. Im oberen Stockwerk fand man eine bejahrte Frau, von Schrecken gelähmt, welche umsonst versucht hatte, das Feuer mit einem kleinen zinnernem Eimer, halb voll Wasser, und einer kleinen Wasserkelle zu löschen.
Sobald der junge Prediger eine Axt gefunden hatte, ging er mutig ans Werk. Und nachdem er einen bedeutenden Teil des Daches abgehauen und niedergerissen hatte, gelang es ihm, das Feuer zu löschen und er hatte die Freude, dem alten Ehepaar die Versicherung geben zu können, dass jetzt alle Gefahr vorüber sei. Mit vielen Tränen und Worten drückten sie ihm ihren Dank aus. Der Prediger aber erinnerte sie daran, Gott zu danken, durch dessen Vorsehung allein sie gerettet seien – sie hätten einen anderen Weg nehmen wollen, seien aber dieses Weges geführt worden.
„Wunderbare Gnade!“ rief der alte Mann, und zitternd und blass werdend bei diesem Gedanken fügte er hinzu: „Ach hätten Sie den Weg zum Amthaus eingeschlagen, wären wir gewiss verbrannt. Welche Gnade, große Gnade!“, wiederholte er immerfort und setzte hinzu: „Ach, wie gottlos bin ich gewesen! Nie habe ich an eine Vorsehung geglaubt. Ich spottete darüber und hasste den Gedanken, dass Gott sich um uns kümmere. Jetzt aber erkenne ich, es gibt eine Vorsehung! Ja,  es gibt eine Vorsehung, welche Sie hierher geschickt hat, um uns aus dem Feuer zu retten.“
Darauf fragte er uns, wer und woher wir seien. Als wir ihm gesagt hatten, dass wir Prediger seien und der eine 25, der andere 100 Meilen entfernt wohne, wurde er tief ergriffen und sagte: „Wie sonderbar! Ich habe die Prediger immer gehasst und ließ sie nicht über meine Schwelle kommen und jetzt hat Gott zwei solche gesandt, um so einen alten, geringen, gelähmten Menschen, wie ich bin, vom Tode zu erretten.“ Er gestand nun die Sünden seines früheren Lebens ein und besonders bedauerte er, dass er seiner Frau so lange entgegen gewesen sei, die, wie er sagte, immer eine Christin zu sein gewünscht habe. Er habe als Soldat unter Wayne gedient. Hier habe er gelernt, Branntwein zu trinken, über Religionen zu spotten und das Buch des Tome Payne zu seiner Bibel zu machen. „Jetzt,“ fügte er hinzu, „fange ich an, die Schuld davon zu fühlen. Sie liegt auf mir wie eine Bergeslast.“
Wir sagten ihnen, durch ihre Sünden sei das noch schrecklichere Feuer des Verderbens angezündet, aus dem kein menschlicher Arm retten könne und ermahnten sie, dem zukünftigen Zorn zu entfliehen und die Hand, welche ans Kreuz geschlagen wurde, zu ergreifen.
Darauf las ich ihnen eine kurze Beschreibung des Lebens eines Trinkers und Spielers vor und der wunderbaren Bekehrung desselben. Eine der rührendsten Stellen ist die, da er seine kleine Tochter bittet, ihm aus der Bibel vorzulesen. Sie las den 51. und den 103. Psalm. Der Vater wurde sehr gerührt, weinte und sagte: „Gewiss, Gott hat dich diese beiden Psalmen für mich wählen lassen!“
Das alte Paar hörte unter Tränen der Vorlesung zu und als ich fertig war, sagte der Mann: „Gewiss, Gott hat Sie diese Geschichte für uns wählen lassen. Jedes Wort davon trifft mein Herz. Und wollen Sie jetzt nicht so gütig sein, uns dieselben Kapitel aus der Bibel vorzulesen, welche das kleine Mädchen ihrem Vater vorlas?“ Die Bitte wurde gerne gewährt und ich las den 51. Psalm: „Gott sei mir gnädig.“ Als ich zu Ende gelesen hatte, meinte er bewegt: „Das ist Gottes Wort und scheint eigens für mich gemacht.“ Seine bejahrte Ehehälfte, die über das, was sie gesehen und gehört hatte, nicht weniger erfreut als verwundert war, ersuchte mich, auch den anderen Psalm vorzulesen. So las ich auch Psalm 103: „Lobe den Herrn, meine Seele!“ Sie ging im Zimmer auf und ab und rief aus: „Lobe den Herrn, meine Seele! Lobe den Herrn! Er hat uns heute aus dem Feuer errettet und wird uns auch von unseren Sünden erretten. Er vergibt uns alle unsere Ungerechtigkeiten! Lobe den Herrn, dass ich diesen Tag erlebt habe. Mein Mann wird mich bald gewähren lassen, wenn ich lese, singe und bete und wir werden beide zusammen den Herrn suchen und ihm dienen.“ Wir knieten nieder und beteten das erste Gebet, wie der alte Mann sagte, das in diesem Hause emporgesandt worden war.
Wir sagten ihnen Lebewohl, indem wir nicht erwarteten, vor dem Tage des letzten Gerichts wieder mit ihnen zusammen zu treffen. Das alte Paar lebte noch etwa drei Jahre und wir wissen von glaubwürdigen Personen, dass sie, volle 80 Jahre alt, im Glauben und in der lebendigen Hoffnung des Evangeliums Christi, beide in demselben Jahr starben.

Haus brennt

Gekürzt aus den „Christlichen Geschichten“ von Ludwig S. Jacoby, zweite Auflage im Jahre 1857. Online nachlesen: Psalm 51 oder Psalm 103. Alle Artikel der Kategorie Geschichten von Christliche Perlen untereinander.

2 Kommentare (+deinen hinzufügen?)

  1. Karl-Christoph
    Jun 17, 2016 @ 22:30:32

    Mein lieber Vater, selbst Prediger und Pfarrer, aber schon beim Herrn im Himmel, pflegte zu sagen: „Für einen guten Christen gibt es keinen Zufall. Es ist alles, was in unserem Leben vor sich geht, von Gott so gewollt. Also hatten sich ja auch die in der Geschichte beschriebenen Prediger nicht ‚verlaufen‘, ihr Weg, der sie zum Haus des alten Ehepaares führte, war kein Zufall, sondern eine klare Fügung Gottes. Zwei weitere Seelen konnten damit gerettet werden.

    Ich würde das Ganze gerne noch ausdehnen und sagen, daß auch die populäre Redewendung ‚Glück gehabt‘ so nicht gesehen und interpretiert werden sollte. Viel mehr sollten wir jedesmal sagen: „Gott sei Dank!“.

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    • christlicheperlen
      Jun 18, 2016 @ 04:15:25

      Ein treffender Kommentar, vielen Dank! Jemand anderes sagte einmal ähnlich: „Es gibt keinen Zufall. Es ist alles von Gott zugefallen.“
      Und Paulus schrieb in Epheser 5,20: „Saget Dank allezeit für alles Gott und dem Vater in dem Namen unsers Herrn Jesu Christi.“

      Ganz herzlichen Gruß!

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