Der ehrliche Knabe

Der ehrliche Knabe

Ich erinnere mich an einen Sonntagnachmittag, an dem wir Kinder sämtlich in den Wald gegangen waren, um echte Kastanien zu suchen. Wir hatten die Erlaubnis, so viel wir wollten, aus Herrn Richard`s Wald zu holen. Da wir aber nicht so viel fanden, als wir erwartet hatten, bekamen wir große Lust, über den Hügel zu gehen und uns auf dem Lande eines anderen Bauern mehr zu sammeln, den wir indessen nicht um Erlaubnis gebeten hatten. Die ganze Gesellschaft war darüber einig, ausgenommen Jakob und noch einer. Diese lehnten es entschieden ab. Als die Anderen sich darauf beriefen, der Eigentümer werde nichts dagegen haben, dass wir die Kastanien sammelten, da versetzte Jakob, der stets einen Gegengrund zur Hand hatte, eben deshalb sollten wir sie um so weniger stehlen. Es werde nicht recht sein, sagte er, einem Geizhals die Kastanien wegzunehmen und es sei gewiss nicht recht und sehr gemein, sie ohne Erlaubnis einem Mann zu stehlen, der uns die Kastanien geben werde, wenn wir ihn darum ersuchten. „Das wird er wohl.“, sprachen die Anderen. „Allein wer wird hingehen, ihn darum zu fragen? Es ist mehr als eine Viertelstunde zu seinem Haus und so weit wird niemand gehen, um sich Kastanien zu erbitten.“ „Ich will hingehen,“, versetzte Jakob. „wenn ihr alle mir versprechen wollt, hier zu bleiben, bis ich wiederkomme. Oder drängt es euch so sehr, die Kastanien zu holen, so seht mir nur entgegen. Komme ich aus dem Weg dort unten am Berg heraus und schwenke meine Mütze, so dürft ihr hingehen und ich werde nachkommen und mein Teil schon erhalten.“ „Damit sind wir zufrieden!“, riefen alle und Jakob lief aus Leibeskräften den Berg hinunter. Schon nach zwanzig Minuten war er wieder da und schwenkte seine Mütze, so hoch er konnte. Die Anderen erhoben ein Freudengeschrei, so dass Jakob es hören konnte und wollten schon nach dem Kastanienholze fortlaufen, als einer von ihnen sagte, es sei doch nicht recht, Jakob allein nachkommen zu lassen, da dieser sich einer solchen Mühe ihretwegen unterzogen habe. Alle stimmten ihm bei und wir alle liefen den Hügel hinunter ihm entgegen. Als wir an ihn herankamen, strahlte sein Gesicht vor Freude und er erzählte, der alte Bauer habe gesagt, wir könnten so viel holen als wir wollten, nur sollten wir uns in Acht nehmen, dass keiner zu Schaden käme.
Nachdem wir so viel Kastanien, als wir nach Hause tragen konnten, gesammelt hatten, gingen wir, von unserer Nachmittagsarbeit ermüdet, wieder zurück. Einer von uns Knaben meinte, die Kastanien seien doch auch sehr schwer zu tragen. „Sie sind aber doch nicht so schwer“, versetzte Jakob Simpson, „als wenn wir sie gestohlen hätten.“ „Das ist richtig und du hast immer Recht oder doch so ziemlich.“, sprach der Erstere und wir alle setzten unter uns fest, dass wir in Zukunft die Eigentumsrechte anderer achten und nie auch nur in Jemandes Holzungen gehen wollten, ohne vorher von ihm Erlaubnis dazu erhalten zu haben.
Dieser Vorfall war freilich an sich nicht von Bedeutung, übte indessen auf die ganze Schule einen starken und bleibenden Einfluss aus. Unter den Knaben gab es keinen, der nicht öfter als sonst an Jakob Simpson gedacht hätte und alle erkannten, dass der Weg glücklich zu sein und an Freuden wahren Genuss zu haben, im Rechttun bestehe.
Jakob und wir anderen wuchsen alle zu Männern heran. Jakob trat in`s Geschäft und hat sich während seines ganzen Lebens durch dieselbe strenge Achtung der Rechte anderer ausgezeichnet und sich das Vertrauen aller seiner Bekannten erworben. Er widmete seinem Arbeitgeber seine Zeit mit der größten Gewissenhaftigkeit, denn er sagte es sich selbst und wagte auch manchmal seine Kameraden daran zu erinnern, dass es durchaus eben so unrecht sei, dem Brotherrn die Zeit zu stehlen, als ihm sein Geld wegzunehmen.
Das hieß treu sein im Geringsten. Von einem jungen Menschen aber, der seinen Arbeitgeber um keine Minute Zeit betrügt, lässt sich annehmen, er werde auch nicht den Vorteil seines Chefs vernachlässigen oder mit dessen Geld verschwenderisch umgehen. So war es auch, und dies legte den Grund zu dem großen Glück in Geschäften und zu dem hohen Ruf, wodurch er sich unter den Kaufleuten auszeichnete.
Kinder, hier habt ihr eine Lehre und ich glaube, ihr werdet sie ohne Predigt lernen. Seid ehrlich und treu. Handelt recht auch in anscheinend geringen Dingen und macht die Redlichkeit zu eurer Lebensregel. Nicht nur, weil dies der beste Weg ist, in der Welt voranzukommen, sondern weil es recht ist und Gott die Ehrlichkeit und Rechtschaffenheit liebt.

coloured-youngster

Aus den „Christlichen Geschichten“ von Ludwig S. Jacoby, zweite Auflage im Jahre 1857. Alle Artikel der Kategorie Geschichten von Christliche Perlen untereinander.

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