Die Spule des Lebens

Die Spule des Lebens

„Wie schön ist doch der Sonnenschein. Ich spiel im Garten, ach wie fein.“ Sahra hüpfte singend, nach ihren eigenen Texten und Melodien, die ihr gerade in den Sinn kamen durch Omas Garten. Dieses Wochenende gehört ihr und der Großmutter. Oh, wie liebte das Mädchen diese Tage bei der Großmutter, die leider viel zu selten waren.
Ihr Blick geht zur Seite, wo sie Peterle, die kleine, buntgestreifte Katze der Großmutter im Grase liegen sieht. In dem Moment kommt ihr eine Idee. Schnell läuft sie ins Haus, sich von der Großmutter etwas zum Spiel für Peterle geben zu lassen. „Einen Ball habe ich nicht, Peterle beschäftigt sich immer selbst, wenn du nicht da bist, aber warte, da fällt mir etwas ein.“ Die alte Dame läuft ins Schlafzimmer und kommt mit ihrem Nähkorb zurück. Sie holt eine fast leere Garnspule hervor, die sie schon viele Jahrzehnte im Nähkorb hat und die aus Holz ist. Sahra beobachtet die Großmutter und staunt, denn solch eine Spule sah sie noch nie bei der Mutter. Die Großmutter wickelt schnell das wenige Garn, das sich noch auf der Spule befindet auf ein Stück Pappe, dann holt sie dünne Schnur und befestigt diese an der Spule. Nun reicht sie diese der Enkelin. „Sieh mal“, erklärt die Großmutter, „wenn du den Faden ganz um die Spule wickelst, diese vor Peterle hinlegst und dann den Faden vorsichtig abziehst, gerät die Spule in Bewegung. Peterle wird neugierig und wird versuchen die Spule zu fangen. Mit der Strippe kannst du ihn dann dirigieren, wo er hinsoll. Für die Katze ist es, als ob sie eine Maus fangen will und ihr werdet sicher gut miteinander spielen können.“ „Du bist die Beste!“, jubelt Sahra und rennt mit der Spule in den Garten zurück. Peterle geht sofort auf das angebotene Spiel ein und freut sich über die Abwechslung.
Als die Großmutter ihre Arbeit im Haus beendet hat, gesellt sie sich zu den beiden und beobachtet das fröhliche Spiel. Plötzlich sagt sie so vor sich hin: „Die Spule ist wie das Leben.“ Sahra schaut die Großmutter fragend an. „Das musst du mir erklären“, fordert die Enkelin. Sie beendet das Spiel und setzt sich auf die Bank, neben ihre Großmutter. Sahra liebt es, wenn Oma Geschichten erzählt. Auch Peterle hat jetzt erst einmal genug vom Spiel und begibt sich auf einen Streifzug durch den Garten.
„Ja, weißt du“, beginnt die Großmutter. „Wenn du ein Kind bist, ist die Spule noch voll an buntem, schillernden Garn, auch in der Jugendzeit ist dies noch so. Aber wie bei der Spule, die durch den Gebrauch immer etwas kleiner wird, ist auch das menschliche Leben. Die Farben verblassen mit den Jahren und der Lebensfaden nimmt ab. Später dann, im Alter, ist nur noch wenig Garn vorhanden, bis die Spule irgendwann aufgebraucht ist.“ „Das ist aber nicht schön.“, gibt Sahra zu bedenken. „Könnte man nicht ein wenig von dem Faden aufheben, dann wird die Spule nie leer.“ „Das könnte man“, setzt die Großmutter hinzu. „Aber so wie der Faden im Laufe der Jahre brüchig wird und seine Nähkraft verliert, so geht es auch dem Menschen. Irgendwann ist die Kraft, die man zum Leben braucht, nicht mehr da und man ist dann froh, wenn man zu Gott in den Himmel gehen darf.“ „Aber man kann doch die Spule aufheben“, setzt Sahra hinzu. „Aber natürlich kann man die Spule aufheben. Das sind im übertragenen Sinne dann die Erinnerungen an den Menschen, den man liebt. Die Fotos, die man sich immer wieder betrachten oder auch ins Zimmer stellen kann.“ „So wie das von Opa“, erinnert sich die Kleine jetzt. „Ja, so wie das von Opa. Auf diese Art ist er immer bei uns“, bestätigt die Großmutter. „Und irgendwann sehen wir den Opa wieder, das hat Mutti mir erzählt“, setzt Sahra hinzu.
„Es ist immer wieder so schön bei dir!“, jubelt nun die Kleine und drückt ihren Kopf in Omas Schoß. „Komm mein Mädchen, jetzt gehen wir ins Dorf und schauen, was wir uns zum Kaffee holen können.“ Schnell springt das Mädchen auf, denn das lässt sie sich nicht zweimal sagen. Strahlend lacht die Sonne in den Garten und weckt die letzten Blumen aus ihrem Schlaf.

(c) Christina Telker

Herzlichen Dank an Christina vom

Garten der Poesie

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