Die neuen Schlittschuhe

Die neuen Schlittschuhe

Es war an einem kalten Winterabend. Eine Anzahl Knaben hatte sich vor einem Hause versammelt und bewunderte ein Paar neue Schlittschuhe, die einer von ihnen von seinem Vater zum Geschenk erhalten hatte und die bei Kaufmann Schmidt gekauft waren. Der Junge sagte, der Preis dafür sei zwei Taler, doch es gebe auch welche zu anderthalb Taler, die aber nicht so gut seien. Ein anderer Knabe nahm sich vor, für seine ersparten anderthalb Taler ein Paar zu kaufen und fast jeder der kleinen Jungen wusste sich auf verschiedene Art eins zu verschaffen. So verabredeten sie, am nächsten Tag eine Schlittschuhpartie zu machen. Die kleine Gesellschaft war höchst erfreut über dieses Vorhaben.
„Du wirst doch auch kommen, Edwin Merrick?“, fragte einer. „Ich wünschte, es wäre mir möglich,“ erwiderte Edwin traurig, „aber ich habe keine Schlittschuhe.“ „Kann denn dein Vater dir nicht ein Paar kaufen?“, fragte ein anderer. „Er hat keinen Vater mehr.“, sagte ein Dritter teilnehmend. „Hat er keinen Vater? Das wusste ich nicht.“ Alle Knaben fühlten mit ihm und hätten ihn gern getröstet, wussten aber nicht recht, wie sie das anfangen sollten. Jeder ging nach Hause, indem er darüber nachdachte, wie traurig es doch sei, keinen Vater zu haben, der ihm Schlittschuhe kaufen könne.
„O wie schön sind doch die Schlittschuhe!“, dachte Edwin, als er nach Hause ging. „Hätte ich doch nur ein Paar! Ob Mutter sie mir wohl kaufen kann?“ Als er aber nach Hause kam und sah, wie emsig seine Mutter nähte, um nur das Notwendigste zum Unterhalt zu verdienen, da fühlte er wohl, wie nutzlos es sein würde, sie zu fragen. „Sollte es denn gar kein Mittel geben, mir ein Paar Schlittschuhe anschaffen zu können“, dachte er bei sich selbst und lag noch lange wachend im Bett, wobei er darüber nachsann, ob er nicht so viel Geld verdienen könne.
Am nächsten Morgen ging er in Herrn Schmidt`s Laden, um die Schlittschuhe anzusehen und sah ein Paar für anderthalb Taler, die ihm gut genug schienen. „Herr Schmidt,“ fing Edwin stotternd an, „gibt es nicht einen Weg, auf dem ich so viel verdienen kann, um diese zu bezahlen?“ „Warum nicht? Der Junge, der für mich Pakete austrägt, ist krank geworden. Wenn du für diese Zeit seinen Platz ausfüllen kannst, wirst du die Schlittschuhe bald verdient haben.“ „Ich würde es wohl gerne tun, doch muss ich auch in die Schule gehen.“ „Nun, wenn du morgens etwas und abends nach der Schulzeit ein paar Stunden kommen willst, dann sollst du die Schlittschuhe nach zwei Wochen haben. Glaubst du, dass deine Mutter es erlauben wird?“ „O gewiss Herr Schmidt. Ich will nach Hause gehen und sie fragen.“ Seine Mutter gab die Erlaubnis, da sie sah, wie gern ihr kleiner Knabe ein Paar Schlittschuhe haben wollte. Edwin stand sehr frühe auf, seiner Mutter zu helfen, um zu rechter Zeit bei Herrn Schmidt sein zu können. Ein hoffnungsvoller Geist macht leichte Füße, und Edwin war so flink bei seinen Geschäften, dass Herr Schmidt sehr mit ihm zufrieden war und nach etwa zehn Tagen zu ihm sagte: „Edwin, morgen ist Samstag. Wenn du mir den ganzen Tag helfen willst, so hast du die Schlittschuhe verdient. Mein anderer Bote wird nächste Woche wiederkommen.“
Edwins Augen glänzten, als er nach Hause lief, seiner Mutter die Neuigkeit zu erzählen. Er hörte das fröhliche Geschrei der Freunde auf dem Fluss und meinte zu sich selbst: „Morgen Abend werde ich mit meinen selbstverdienten Schlittschuhen, glücklich wie ein König, bei ihnen sein.“ Er fand seine Mutter mit der Zubereitung eines Mittels gegen Rheumatismus, an welchem seine Großmutter litt, eifrig beschäftigt. Da hörte er die alte Frau sagen: “Ich fürchte, ich werde nicht eher Besserung erfahren, bis ich bei diesem kalten Wetter einen warmen Schal habe.“ „Nimm doch deinen schwarzen um.“, antwortete die Mutter. „O nein, ich hoffe, ich kann, wenn der Frühling kommt, wieder in die Kirche gehen und muss ihn daher schonen, damit er anständig aussieht und ich ihn tragen kann. Auch ist er nicht warm genug, um den Rheumatismus abzuhalten. Ach, wenn ich doch nur einen recht dicken Schal hätte!“ „Gebe Gott, dass ich dir bald einen solchen anschaffen kann.“ „Hat denn Großmutter keinen Schal?“, fragte Edwin. „Nein.“ „Wie viel würde er denn kosten, Mutter?“ „Ungefähr anderthalb Taler.“ „Gerade den Preis meiner Schlittschuhe.“, dachte der Knabe. „Sollte ich ihr nicht einen Schal schenken? Wie soll es mich freuen, wenn ich sie mit dem Schal sehe und meine arme Großmutter dann wieder ganz gesund wird. Aber dann habe ich keine Schlittschuhe. Alle anderen Jungen haben welche und es würde mir so viel Vergnügen machen, mit ihnen auf dem Eis zu laufen. Soll ich das aufgeben oder nicht? Ich will darüber nachdenken.“ Er dachte nicht nur die Nacht, sondern auch den ganzen Tag während der Geschäfte darüber nach. Nachdem er das letzte Paket fortgetragen hatte, ging er zurück, um seine Bezahlung zu empfangen. Als Herr Schmidt die Schlittschuhe vor ihn hinlegte, war er für einen Augenblick erfreut, das Ziel eines vierzehntägigen Strebens erreicht zu haben. Aber dann erinnerte er sich seiner Großmutter, und obschon Tränen in seine Augen kamen, so sagte er doch mit einer ziemlich festen Stimme: „Herr Schmidt, würden Sie mir nicht ebenso gern einen wollenen Schal anstelle dieser Schlittschuhe geben?“ „Einen wollenen Schal! Was in aller Welt willst du damit tun?“ „Ich will ihn meiner Großmutter geben.“ „Was fällt dir ein? Ich glaubte, du wünschest dir so sehnlich ein Paar Schlittschuhe.“  „Die wünsche ich mir auch. Aber ich hörte, wie Großmutter gestern Abend sagte, sie könne ihren Rheumatismus nicht loswerden, wenn sie nicht einen warmen Schal habe.“ „Dann suche dir den besten Schal im Laden aus. Sieh, da ist einer. Was denkst du von dem?“ „Der wäre freilich gerade der rechte für Großmutter. Aber habe ich auch so viel verdient?“ „Ein Junge, der so für das Wohl seiner Großmutter sorgt,“ erwiderte Herr Schmidt, indem er den Schal einwickelte, „hat noch mehr verdient.“
„Ich danke Ihnen.“, sagte Edwin, als er den Laden verließ. Er wagte es jedoch nicht, noch einen Blick auf die Schlittschuhe zu werfen, denn noch nie waren sie ihm so anziehend erschienen. Als er nahe am Fluss vorüberging, pfiff er laut, damit er den Jubel der fröhlichen Schlittschuhläufer nicht hören möchte. Aber unwillkürlich füllten sich seine Augen mit Tränen, wenn er daran dachte, dass er nun keine Schlittschuhe bekommen werde. Doch als er in das Haus kam, sich hinter seine Großmutter schlich und ihr den Schal umhing, musste er über ihr Erstaunen lächeln. „O welch schöner, warmer Schal! Ja, wenn ich solch einen Schal wie diesen hätte, der würde mir gewiss den Rheumatismus vertreiben.“ „So sei vergnügt, Großmutter!“, sagte er freudig. „Denn der Schal gehört dir und sonst niemand.“ „Mir?“, fragte die alte Frau verwundert. „Ich habe ihn bei Herrn Schmidt verdient und bitte dich, ihn mir zu Liebe zu tragen.“ „Mein liebes Kind! Möge Gott dich dafür segnen.“, sagte sie, indem sie ihre zitternde Hand auf sein Haupt legte und ihre Lippen sich im Gebete zu bewegen schienen. Nie hatte die Großmutter so gut ausgesehen wie in dem Schal, den er für sie verdient hatte. Sie schien sich so wohl und und so glücklich zu fühlen, dass er sich für sein Opfer reichlich bezahlt dünkte. „Und du hast deine Schlittschuhe dafür aufgegeben, Edwin?“, fragte die Mutter, als sie ihm in seine kleine Kammer nachfolgte. „Großmutter hat den Schal viel nötiger, liebe Mutter.“ „Mein lieber Sohn!“, war alles, was sie sagen konnte. Aber sie fasste den Entschluss, dass ihr Kind ein Paar Schlittschuhe haben sollte und wenn sie ganze Nächte durcharbeiten müsste, um sie zu verdienen. Sie wusste freilich nicht, dass Gott schon das Herz anderer gelenkt hatte, sie ihm zu geben und dass ihre Arbeit dazu nicht nötig sei.
Am Sonntag war Edwin ganz glücklich, als er seine Großmutter in ihrem warmen Schal sah und er dachte: „Wenn ich auch Schlittschuhe hätte, so könnte ich doch keine Freude daran haben so lange Großmutter krank wäre. Aber nun kann sie den Schal lange gebrauchen, und es freut mich, dass ich ihn genommen habe.“
„Das ist ein lieber, kleiner Junge – der Sohn der Witwe Merrick. Ein prächtiger Bursche.“, sagte Herr Schmidt am Samstag zu einigen Herren, die in seinem Laden waren. Und nun erzählte er die Geschichte von den Schlittschuhen und dem Schal. „Der gute Junge! Er soll ein Paar Schlittschuhe haben.“, hieß es. „Denn er verdient es, wenn es je ein Knabe verdiente.“ Das Geld war bald zusammengelegt, um die besten Schlittschuhe, die es im Laden gab, zu bezahlen.
Am Montagmorgen, als Edwin im Hof war, um Holz zu sägen, kam ein Knabe und gab ihm ein Paket, auf welchem geschrieben war: „Für Edwin Merrick. Von einigen Freunden, die mit Freuden von seinem liebreichen Betragen gegen seine Großmutter erfahren haben und welche, obgleich Männer, dennoch von einem Knaben in der Selbstverleugnung unterrichtet worden sind.“
Edwin öffnete eilig das Papier und jubelte vor Freude, als er ein Paar Schlittschuhe darin vorfand.

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Leicht gekürzt aus den „Christlichen Geschichten“ von Ludwig S. Jacoby, zweite Auflage im Jahre 1857.

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