Das Dilemma mit der Vergebung

Das Dilemma mit der Vergebung

Im ersten Brief an die Gemeinde zu Korinth tadelt der Apostel Paulus, dass Gemeindemitglieder gegeneinander vor weltliche Gerichte zogen. Er fragt: „Euch zur Schande muss ich das sagen: Ist so gar kein Weiser unter euch, auch nicht einer, der da könnte richten zwischen Bruder und Bruder?“ und: „Es ist schon ein Fehl unter euch, dass ihr miteinander rechtet. Warum lasst ihr euch nicht lieber Unrecht tun? Warum lasst ihr euch nicht lieber übervorteilen?“ (1. Korinther 6,5+7) Wurden Sie von jemandem übervorteilt? Gar geschlagen? Oder auch „nur“ schwer gekränkt? Und leiden Sie bis heute darunter und wissen nicht recht, wie Sie damit umgehen sollen?
Nun, gewiss gibt es darauf keine allseits passende Antwort. Jeder Fall muss je nach Ausmaß einzeln betrachtet werden und mag auch unterschiedliche Meinungen hervorbringen. Deshalb hier nun einige Überlegungen, die womöglich dabei helfen können, das Schmerzende solcher Situationen zu überwinden und mit möglichst wenig Verlust daraus hervorzugehen.
Grundgedanke ist: jemand anders etwas ständig nachzutragen ist überaus kräfteraubend. Denn tragen ist Ballast und anstrengend. Es macht unfrei, man ist gewissermaßen an die Last gebunden und kann das Leben nicht voll genießen. Der Person, die dies verursacht hat, geht es vermeintlich aber gut. Sie scheint deshalb nicht das geringste Bedauern zu haben. Vielleicht verdrängt sie es auch bloß und leidet doch im Unterbewusstsein mehr durch die Sache, als sie zugibt. Jedenfalls kann man aber äußerlich keine wirkliche Reue bei ihr ausmachen.
Auf dem Weg aus dem Dilemma stellt sich zunächst die Frage nach der Größe des erlittenen Unrechts. Handelt es sich um eine finanzielle Schädigung, kann man nun vor Gericht ziehen. Doch wird dies Zeit und Nerven erfordern. Deshalb lohnt sich der Gedanke: Ist ein Gewinn für meine Existenz unbedingt vonnöten? Wenn nicht: Selbst wenn ich siege, ist mir meine Ruhe und Zeit nicht wichtiger?
War das Vergehen einmalig? Oder laufe ich Gefahr, erneut ausgenutzt zu werden, wenn ich weiter in Kontakt zu der Person bleibe? Kann ich nicht einfach etwas an meinem Verhalten ändern, anstatt die Verbindung abzubrechen? Reicht es nicht schon, an der richtigen Stelle in aller Ruhe „Nein“ zu sagen, ohne direkt heftig zurückzuschlagen, eventuell überzureagieren und der anderen Seite damit Anlass zu berechtigter Kritik zu geben? Gelingt Ihnen das, können Sie ruhig stolz auf sich sein! Denn Sie haben sich im Griff und gönnen Ihrem Gegenüber keine Angriffsfläche, indem Sie Fehler machen!
In welchem Verhältnis stehe ich zu der Person? Wie wichtig ist sie mir? Ist sie womöglich ein Familienmitglied und ich leide eigentlich unter den Zwistigkeiten, zumal die Person mir immer noch sehr viel bedeutet oder ist sie eher nebensächlich in meinem Dasein?
Wie schlimm ist das Vergehen wirklich? Ist es vielleicht „nur“ eine Kränkung? Und hat sich die andere Person nicht womöglich lediglich verrannt und ist zu stolz, den Fehler einzugestehen? Ist sie nicht im Grunde genommen eine „arme Wurst“, die einfach bloß Angst hat, ihr Gesicht zu verlieren und eigentlich Hilfe braucht?
Sie hat etwas für sich, die Aufforderung von Paulus: „Lass die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen.“ (Epheser 4,26) Wer es schafft, am gleichen Tag noch zu vergeben, bei dem können sich schlechte Gedanken gar nicht erst einnisten. Er bleibt frei davon.
Jemand formulierte einmal ungefähr den Vorschlag: „Bevor du dich aufregst, nimm dir kurz Zeit und denke nach. Ist die Situation oder Person es wirklich wert deine Nerven zu strapazieren?“
Wie viel Macht räumen Sie Mitmenschen in Ihrem Leben ein? Wie viel Raum dürfen sie in Ihren Gedanken, Ihrer Zeit einnehmen? Meiden Sie gar Orte oder Veranstaltungen wegen einem Menschen, die Sie eigentlich besuchen möchten: Familientreffen? Ihre Kirche? Einen Verein? Sitzen Sie ausgegrenzt und sehnsüchtig da und hoffen seit Ewigkeiten vergebens auf eine Entschuldigung? Was haben Sie davon? Je länger desto schlimmer wird der Schaden. Beim Streiten verlieren immer beide Seiten. Streiten macht einsam. Oder wie jemand einmal sagte: Wer streitet, kann nur verlieren.
Weiter: Trage ich nicht auch irgendwie Schuld an der ganzen Geschichte? Habe ich nicht ebenfalls Fehler dabei gemacht? Kann es nicht sogar sein, dass mir der erlittene Fehler selbst auch schon einmal bei jemand anderem unterlaufen ist? Brauche ich nicht womöglich gleichermaßen irgendwann einmal Vergebung und bin dann froh, sie gewährt zu bekommen? Jesus sagt in Matthäus 7,12: „Alles nun, was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihr ihnen auch.“ Das gilt ebenso für Vergebung, die wir spätestens für den Himmel alle einmal brauchen. Wir wollen schließlich nicht wie der Schalksknecht sein, der wenig schlimm bestrafen ließ, obwohl ihm viel vergeben wurde. Sein Ende war kein Gutes… (Matthäus 18,23-35)
Jesus hat viel mehr vergeben. Sehen Sie es möglicherweise positiv: Sie können jetzt auch Vergebung üben. Außerdem können Sie Christus um Hilfe bitten. Tun Sie es! Sind Sie nicht eigentlich der bessere und stärkere Part, der es schafft, Gleiches nicht mit Gleichem zu vergelten und sich nicht auf dasselbe niedrige Niveau zu begeben? Wie der Volksmund schon sagt: „Der Klügere gibt nach.“
Durchbrechen Sie den Gewaltkreislauf! Es ist auch Ihre Zeit, Ihr Leben. Und Sie möchten es nicht mit Schlammschmeißen verbringen. Denn Streiten belastet das Umfeld mit und blamiert einen mitunter noch selbst. Wenn der / die andere spinnt, ist das nicht Ihre Schuld. Sie können sich dennoch entscheiden zu denken: „Er spinnt, aber das ist sein Problem. Ich gedenke nicht, da mit zu machen. Ich will mich mit dem Thema nicht befassen. Dafür ist meine Zeit zu kostbar. Ich werde das Ganze nicht mehr bei ihm erwähnen. Soll er selbst schauen, ob er auf sich stolz sein kann. Ich will für mich in den Spiegel schauen können.“ Lassen Sie dem anderen sein Gesicht und er wird Ihnen entgegenkommen.
Wenn Sie längere Zeit keinen Kontakt hatten, wird der andere unter Umständen noch anfangs aus Gewohnheit etwas hacken. Lassen Sie es sich genüsslich am Rücken vorbei gehen. Sie sind besser. Sie sind stärker. Und natürlich klüger. Haben Sie einen schönen Tag!

Lass vom Bösen und tue Gutes;
suche Frieden und jage ihm nach.
Psalm 34,15

Die Vervielfältigung des Textes von christlicheperlen ist für nicht kommerzielle Zwecke gerne erlaubt.

8 Kommentare (+deinen hinzufügen?)

  1. Elisabeth Scheikowski
    Jul 22, 2019 @ 03:13:59

    Liebe Tina, das waren für mich die richtigen Worte zum richtigen Zeitpunkt.

    Da waren zwei Menschen, die mir und meiner Familie Böses zugefügt haben. Beiden hätte ich ernsthaft fürs Leben schaden können, wenn ich sie angezeigt hätte.

    Beim einen habe ich die ganze fünfjährige Verjährungsfrist in mir die Wut niedergerungen, immerhin erfolgreich.

    Beim anderen hat die ebenfalls fünfjährige Verjährungsfrist gerade erst begonnen. Nach dem Lesen Ihres Artikels, insbesondere des Punktes „Auch ich habe Vergebung nötig“, ergänzt um „Auch dieser Mensch ist von Gott geliebt“, habe ich das Thema endgültig abgeschlossen und dies auch in der Familie kundgetan. Ich glaube, uns allen ist ein Fels vom Herzen gefallen, dass das jetzt nicht mehr unser Problem ist.

    Mir ist bewusst, dass „das Thema beenden“ und „jemandem vergeben“ zwei verschiedene Dinge sind und ich am zweiten noch arbeiten muss. Aber der Anfang ist gemacht.

    Sehr herzlichen Dank für Ihren segensreichen Anstoß! Gott behüte Sie!

    Elisabeth

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    • christlicheperlen
      Jul 22, 2019 @ 23:44:56

      Liebste Elisabeth,

      vielen lieben Dank für den beeindruckenden Kommentar! Ich bin echt platt und sehr bewegt. Sie wissen ja schon, dass ich seit der Geschichte mit den Lutherschachteln ein Riesenfan von Ihnen bin. Aber Sie treffen mir immer wieder mitten ins Herz! Ich weiß nicht, was vorgefallen ist, aber ich denke, Sie haben sich mit Ihrer Entscheidung Ihre Freiheit und ein großes Stück Frieden gesichert. Sie verderben sich Ihre Zeit nicht mehr als unbedingt nötig. Dass Sie nach dem Beenden noch bereit sind, am Vergeben zu arbeiten, zeugt von Adel. Ich hoffe, Sie schaffen es ohne allzu viele Kämpfe. Vergebung ist mitunter schwer und mit Trauer verbunden. Da darf man sich auch mal schlecht bei fühlen und vielleicht mal bewusst etwas Gutes gönnen, was einem Freude macht. Gott erstatte Ihnen das Leid jedenfalls mit reichlich Freude an anderer Stelle und behüte Sie vor weiterem Leid! Ich hoffe, Sie können auch selbst etwas zu Ihrem Schutz tun, damit Sie so etwas nicht noch einmal erleben brauchen. Da es hier sicher nicht nur um Kleinigkeiten ging, sondern gewiss auch ein großer Schaden entstand und (was die Sache auch nicht einfacher macht) eine Wunde wohl noch besonders frisch ist, möchte ich Ihnen sagen: Sie haben meinen Respekt und mein Herz! Sie sind ein Held! Sie sind ein Schatz! Freut mich für Ihre Lieben, die Sie genießen dürfen! Gott segne Sie und erfülle Sie mit Frieden!
      Herzlichste Grüße!

      Ihre Tina ❤️

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      • Elisabeth Scheikowski
        Jul 25, 2019 @ 14:22:42

        Liebe Tina,

        von Herzen danke ich Ihnen für Ihre guten, lieben Worte. Und ja, jedesmal, wenn wieder eine Erinnerung hochkommt, spüre ich die Freiheit: „Ach, das ist ja Vergangenheit, das geht mich ja gar nichts mehr an.“ Ich glaube, dass das möglich ist, ist Gottes Hilfe. Ich lerne daran gerade wieder, dass die Gebote Gottes uns nicht einschränken, sondern frei machen.

        Sie tun eine wunderbare Arbeit – und Sie tun sie mit Freude, welche aus jedem einzelnen Ihrer Artikel und Entwürfe hervor strömt. Diese Freude geben Sie weiter. Haben Sie ganz lieben, herzlichen Dank. Gott segne Sie!

        (Dass ich weder Held noch etwas anderes in der Art bin, wissen Sie ja. Ich bin einfach ein dankbarer Mensch, dem Sie zur rechten Zeit die beste Hilfe zukommen lassen.)

        Mit herzlichen Grüßen,

        Ihre Elisabeth

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      • christlicheperlen
        Jul 25, 2019 @ 21:09:42

        Liebe Elisabeth,

        ja, die Gebote Gottes sind zu unserem Besten. Und auch ja, erwischt, es macht mir riesige Freude, an der Seite zu arbeiten. Bei solch tollen Lesern erst recht. Bleiben Sie, wie Sie sind und Gottes reichsten Segen, Schutz und Führung zurück! 🤗

        Herzlichst: Ihre Tina 🌷❤️❤️❤️

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  2. Einfach Monika
    Jul 20, 2019 @ 16:33:24

    Hallo Tina,
    doch irgendwann kann es leider dazu kommen das das Mass einfach voll ist. Das man sich sagt, die haben jetzt aber genug Changen bei uns gehabt.
    Und dann ist es oft besser sich zurück zu ziehen, als sich immer wieder erneutem Stress aus zu setzen. Familie kann man sich leider nicht aussuchen.
    Ich wünsche dir einen schönen Samstag.
    Liebe Grüße
    Monika

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    • christlicheperlen
      Jul 20, 2019 @ 23:49:26

      Hallo Monika,

      vielen Dank für den Kommentar. Wie schon am Textanfang erwähnt, beansprucht der Artikel nicht, für alle Situationen eine passende Antwort zu bieten. Ich meine jedoch, dass es eine Menge Konflikte gibt, die eigentlich beigelegt oder zumindest gemindert werden können. Z. B. viele Ehen scheitern an Kleinigkeiten wie Zahnbürsten oder herumliegenden Sachen oder Nachbarn streiten sich jahrelang wegen der Höhe des Zauns. Wenn ich hier nur ein paar Impulse geben konnte, die für den einen oder anderen hilfreich sind, habe ich schon etwas erreicht. Wenn das hier Geschriebene aber nicht möglich ist, beispielsweise weil man Distanz zu einer gewalttätigen Person braucht, ist das natürlich in Ordnung. Ich habe den Text schon geschrieben, bevor ich Dich kannte und jetzt aus meinem Artikelvorrat gepostet. Ich möchte niemanden damit unter Druck setzen, aber ich habe ein paar meiner Gedanken und Erfahrungen geteilt in der Hoffnung, dass diese für einige eine Hilfe sind und zu einer Einigung führen.
      Dir einen geruhsamen Sonntag und ganz liebe Grüße zurück,

      die Tina

      P.S.: Dein Ich-Tag klingt echt gut. 😉 https://einfachmonika.home.blog/2019/07/20/ich-tag/

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      • Einfach Monika
        Jul 21, 2019 @ 08:26:00

        Guten Morgen Tina,
        keine Angst, ich fühle mich nicht angegriffen.
        Ich finde sogar das du Recht hast. Überreaktionen machen oft viel kaputt.
        Aber leider kann man deine Methode nicht immer anwenden. Schade eigentlich.
        Ich wünsche dir einen schönen Sonntag.
        Liebe Grüße
        Monika

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      • christlicheperlen
        Jul 21, 2019 @ 17:17:30

        Recht hast Du. Ich finde, es liegt eine große Befreiung im Verzeihen. Deshalb empfiehlt die Bibel das Vergeben auch so oft. Ein Druck soll es nicht sein. Ob meine Methode anwendbar ist, hängt sicher auch viel mit der Mentalität und dem Willen der Betroffenen zusammen. Möge die Methode aber noch in vielen Fällen klappen! 😉

        Auch Dir einen schönen Sonntag und eine angenehme, gelungene Woche! 🤗🌻🌻🌻

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