Das kleine Friedenslicht

Das kleine Friedenslicht

Vor sich hin sinnend saß die alte Agnes in ihrem Ohrensessel. Der letzte Kerzenstummel beleuchtete den kleinen Raum mit seinem unruhigen Licht. Nicht mehr lange und Agnes würde im Dunklen sitzen. Den Strom hatte man ihr schon vor langem abgestellt, aber das störte sie wenig. Hier, in ihrem Haus, am Waldesrand, schaute kaum einer vorbei den das stören konnte und sie selbst war es aus ihrer Kindheit gewöhnt mit den Hühnern ins Bett zu gehen. Im alten Ofen prasselt ein munteres Feuer. Für Brennholz hat Agnes den Sommer über gesorgt, der Schuppen hinter dem Haus war bis zum Rand gefüllt. So gesehen konnte der Winter kommen. ‚Wenn ich nur ein paar Kerzen hätte‘, dachte die alte Frau betrübt.
‚Doch was ist das, raschelt da nicht etwas an der Tür? Wer weiß, vielleicht macht es sich wieder einmal ein Marder oder Igel bequem in meinem Schuppen‘, überlegt sie. In dem Moment klopfte es jedoch auch schon an ihre Tür. ‚Hoffentlich hält die Kerze noch durch!‘, wünschte sich Agnes, ‚damit ich erkennen kann, wer draußen steht.‘ So schnell es ihr möglich ist, läuft sie zur Wohnungstür, um zu öffnen. „Ella! Was hat dich denn hierher verschlagen?“, begrüßt Agnes den unerwarteten Gast. Viele Jahrzehnte hörte sie nichts von ihrer Schwester und jetzt, wo sie kaum noch an sie dachte, steht sie plötzlich vor ihr. Agnes kann das alles noch nicht fassen. Als sie sich etwas gesammelt hat, bittet sie die lang Vermisste herein. „Ist das dunkel bei dir!“, sind die ersten Worte Ellas. „Das ist mein letzter Kerzenstummel“, erklärt Agnes. „Dann würde ich mal das Licht einschalten“, entgegnet Ella ahnungslos. Schnell schiebt Agnes ihrer Schwester noch einen Stuhl hin, bevor die letzte Kerze ihr Leuchten aufgibt.
Nun sitzen beide Schwestern in der Dunkelheit, aber sie spüren, es redet sich besser, nach all den Jahren, wenn man sich nicht in die Augen schauen muss. Nach einer Weile spüren sie, wie sie sich wieder näherkommen und wieder eins sind, wie sie es in den längst vergangenen Kindertagen waren. „Komm!“, meint Agnes, jetzt, „ich werde uns das Abendessen richten.“ Sie nimmt einen langen Holzspan und geht zum Ofen, um ihn an die Flamme zu halten. Wie immer steckt sie den Span in eine Ritze des Küchenherdes. „Das Licht reicht uns bis wir gesessen haben“, erklärt Agnes und setzt die bereits gekochte Mehlsuppe zum Aufwärmen auf die Herdplatte. Während des Essens berichtet Ella von sich. Erzählt, dass sie seit einigen Jahren alleine lebt. Ihr Mann war bereits gestorben, gemeinsame Kinder gab es nicht. „So dachte ich“, endete sie ihre Erzählung, „solltest du auch alleine sein, könnten wir vielleicht die letzten Jahre gemeinsam verbringen.“ Agnes hatte aufmerksam zugehört, ohne zu unterbrechen. Jetzt meinte sie: „Es wäre schön, sehr schön sogar, aber du siehst, wie ich lebe, da bist du sicher anderes gewöhnt.“ „Ja, ich sehe, wie du lebst und denke, gerade deshalb ist mein Plan doch genau richtig für uns beide.“ „Aber du wirst dich nicht daran gewöhnen können, abends so zeitig im Finstern zu sitzen“, gab Agnes zu bedenken. „Aber du wirst dich sicher daran gewöhnen können, abends wieder die Lampe einzuschalten, wenn es draußen dunkel wird“, entgegnete Ella mit einem Lächeln. „Ich kann mein Geld nicht mitnehmen und Erben habe ich nicht. So werden wir morgen gleich zum Amt gehen und dafür sorgen, dass hier wieder alles läuft.“ Agnes konnte das Wunder nicht fassen. In zwei Tagen war der erste Advent. ‚Welch eine Weihnachtsüberraschung!‘, dachte sie.  Schnell bereitete sie ein Bett für ihre Schwester, bevor der Holzspan erlosch.

Herzlichen Dank an Christina vom

Garten der Poesie

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